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SINA - Social Innovation Academy

Seit 2014 begleitet Entienne in seinem Projekt Social Innovation Academy in Uganda junge Menschen aus sozial schwierigen Verhältnissen auf ihrem Weg Sozialunternehmerinnen und Sozialunternehmer zu werden.

Erzähl uns von Deinem Projekt

Keine Tafeln, keine Bücher, kein Lehrer und kein Schüler. Dafür Morning Meetings, Mentor_innen und mit Lehm gefüllte Plastikflaschen. In der Social Innovation Academy gibt es keinen “Stoff” zu lernen. Und doch verlassen nach ein bis zwei Jahren Persönlichkeiten diesen Ort, die Sozialunternehmen leiten und damit das Leben anderer verbessern. Keiner bestimmt, mit welchem Thema sich die Stipendiat_innen beschäftigen. Und keiner sagt ihnen, wie sie ein Thema zu behandeln haben, das sie gerade interessiert. Sie organisieren sich selbst und nehmen ihr Leben in die Hand. Oft werden Herausforderungen zur Grundlage von neuen Möglichkeiten für sozialen Wandel.

Die Social Innovation Academy (SINA) im Süden des ostafrikanischen Staats Uganda begleitet aktuell 93 junge Menschen aus sozial schwierigen Verhältnissen auf ihrem Weg Sozialunternehmer_innen zu werden. Unter ihnen sind Geflüchtete, Waisenkinder, ehemalige Strassenkinder, ehemalige Kindersoldaten oder Jugendliche, die in Slums aufgewachsen sind. Sie durchlaufen fünf Selbstentwicklungs-Phasen in der sogenannten Purpose Safari, in denen sie unter anderem ein limitierendes Selbstwertgefühl über selbstständiges Lernen und Erfolgserlebnisse durch konstruktive, entwicklungsfördernde Konzepte ersetzen. Wichtig ist, dass sie die Verantwortung für ihr Handeln und Leben übernehmen lernen, dass sie sich trauen, Fragen zu stellen und Hilfe zu suchen, ihre Komfortzone verlassen und Fehler auf ihrem Weg schätzen lernen. Sie bringen sich immer mehr in der Gemeinschaft ein, arbeiten in Teams zusammen. Nach der letzten Stufe haben sie ein sich finanziell selbst tragendes Sozialunternehmen mit bedeutendem Impact auf andere und/oder die Umwelt etabliert.

SINA

“Einblicke und Impressionen rund um in die Social Innovation Academy ”

Woher nimmst Du Deine Motivation für dein Projekt?  Wie kamst Du auf die Idee?

Nach meinem bilingualen deutsch-englischen Abitur 2006 ging ich für ein Jahr als Freiwilliger nach Uganda. Dort arbeitete ich in einem Waisenhaus und lernte viel über das Land und die Umstände der Ugander. Da es im Waisenhaus schon an essentiellen Dingen teilweise mangelte, war die sehr teure ugandische Bildung nach der Grundschule unerschwinglich für die Waisenkinder. Nachdem sich ein Mädchen mit der Bitte an mich wandte, sie dabei zu unterstützen, in die Schule zu gehen, sandte ich einen Spendenaufruf an Freunde und Familie in Deutschland. Vom großzügigen Echo überrascht, gründete ich den Verein “Jangu e. V.”, der durch Bildungspatenschaften über die Jahre mehr als 200 Waisenkindern den Schulbesuch ermöglichte.

Nachdem der erste Jahrgang geförderter Waisenkinder ihr Abitur 2013 machte, standen sie vor neuen Problemen. Denn die Bildungssituation wurde auch nach der Schule nicht besser. Es herrscht in Uganda für 83 Prozent der Jugendlichen Arbeitslosigkeit. Ein Studium ist mit bis zu 1000 Euro im Semester unerschwinglich und schafft weitere Anhäufung von passivem Wissen, welches auch auf die wenigen Arbeitsplätze in Uganda nicht vorbereitet. Eine Situation, die sich aufgrund der zweithöchsten Kinderrate der Welt verschlimmern wird, wenn keine Lösungen entstehen.

Die jungen Ugander_innen erkannten das Problem und gründeten kurzerhand einen Verein, der ihnen und anderen aus der Misere helfen sollte. In Zusammenarbeit mit Jangu e. V. entstand die Vision eines innovativen Lernorts, der die Lernenden auf ihr späteres Leben in Uganda vorbereiten soll: Sprich, auf die Selbstständigkeit und darauf, neue Lösungsansätze zu entwickeln, anstatt passiv auf Hilfe zu warten. Zu dieser Zeit nahm ich an der 17. Runde der Civil Academy teil und das Projekt der Social Innovation Academy (SINA) begann.

Du warst Teilnehmer der 17. Runde der Civil Academy. Was hat das für Dich bedeutet?

Ich konnte im Rahmen der Civil Academy die erste Anschubfinanzierung gewinnen und mit der Umsetzung der SINA 2014 beginnen. Ebenfalls lernte ich Persönlichkeiten und Freunde kennen, die mich noch heute begleiten. Einige von ihnen haben SINA in Uganda besucht und unterstützen uns. Außerdem hat das Alumni Netzwerk aller Civil Academy Teilnehmer_innen geholfen, spezifische Probleme zu lösen, da sich fast immer jemand finden lässt, der bereits ein ähnliches Problem überwunden hat.

Wie ging es mit Deinem Projekt nach der Civil Academy weiter? 

Ich siedelte nach Uganda und wir begannen gemeinsam mit der Umsetzung. Wir probierten sehr vieles aus, bis wir die Dinge gefunden haben, die für uns funktionierten. Auch drei Jahre später ist das Konzept von SINA weiterhin dynamisch und ständig im Wandel. SINA ist selbstorganisiert, was bedeutet, dass alle die Mögichkeit haben Veränderungen und Verbesserungen anzustoßen und SINA allen Mitgliedern gehört.

Was waren Herausforderungen und Hürden, was war bisher Dein größter Erfolg mit Deinem Projekt?

SINA Scholars haben bisher knapp 20 eigenständige Sozialunternehmen gegründet. Damit verbunden sind knapp 100 neu geschaffene Arbeitsplätze. Die international weitreichendste Anerkennung bisher erhielt das Projekt “Ask Without Shame”, dessen Gründerin von der Queen persönlich als “Young Leader” geehrt wurde. Ruth selbst wuchs im Waisenheim auf, indem ich 2006 meinen Freiwilligendienst absolvierte. Nach Ende ihrer Oberschule startete sie eine Art Dr. Sommer per Handy. In dieser App und kostenlosen Hotline beantwortet ein medizinisches Team 24 Stunden am Tag anonym und tabufrei alle Fragen rund um Sexualität, Verhütung und Gesundheit. Ein Novum in Uganda. Aber auch das Gifted Hand Network mit seinen Schulungen rund um Brustkrebs-Frühererkennung und Krebsvorsorge sowie diverse Upcycling-Unternehmen und die Erfindung eines Bodenbelags aus Plastikflaschen und Eierschalen haben bereits für Aufsehen gesorgt, Arbeitsplätze geschaffen und erfolgreich Probleme in Möglichkeiten transformiert. Herausforderungen liegen besonders bei größeren Bauprojekten, hoher Korruption in Uganda und Schüler_innen, die aus einem Schulsystem kommen, in dem sie fast nie selbsständig etwas machen durften.

Was hast Du aus der Civil Academy mitgenommen?

Ich habe ein Netzwerk an motivierten Problem-Löser_innen, konstruktive Kritik für die Umsetzung von SINA und Tools und Aktivitäten, die wir noch heute mit unseren Scholars in SINA anwenden, mitgenommen. Ich freue mich jedes Jahr auf die Vernetzungstreffen, wenn ich es einrichten kann gerade in Deutschland zu sein und an ihnen teilzunehmen.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft des Projekts / Deine persönlichen Pläne?

Jeder, der die SINA durchläuft und sein Leben umgekrempelt hat, verbessert durch das entstandene Unternehmen das Leben unzähliger anderer. So ist SINA ein Wegweiser für künftige Bildung in ganz Afrika. In den kommenden fünf Jahren sollen 25 weitere selbstorganisierte Social Innovation Academys in Ostafrika und der ganzen Welt entstehen. Der erste Ableger wurde schon 2016 von drei Geflüchteten gegründet. Sie durchliefen selbst die SINA und wollten das Modell in das Nakivale Flüchtlingslager bringen, in dem sie über fünf Jahre lang lebten. Sie brachten die Akademie als “SINA OPORTUNIGEE” ins Flüchtlingscamp und schaffen dort selbstorganisiert mit weiteren jungen Flüchtlingen ihre eigenen Perspektiven. Seither herrscht eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den selbstständig funktionierenden SINAs.